Deutsch-polnische Perspektiven auf die historisch-politische Bildung
Am 28. Mai brachte die im Verbindungsbüro des Freistaates Sachsen in Wrocław organisierte Konferenz Fachkräfte aus Bildung und Wissenschaft zusammen, um den deutsch-polnischen Dialog über Geschichte und Erinnerungskultur zu stärken.
Am 28. Mai fand im Verbindungsbüro des Freistaates Sachsen in Wrocław die Konferenz »Nicht gleichgültig bleiben. Schwierige Themen des 20. und 21. Jahrhunderts in der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern« statt, die sich mit Fragen der deutsch-polnischen historisch-politischen Bildung sowie dem gemeinsamen Geschichtsschulbuch »Europa. Unsere Geschichte« beschäftigte. Die Veranstaltung wurde vom Verbindungsbüro des Freistaates Sachsen in Wrocław in Zusammenarbeit mit dem Wrocławer Zentrum für Lehrerfortbildung (WCDN) sowie der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wrocław organisiert. An der Konferenz nahmen mehr als 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wrocław, Legnica, Jelenia Góra, Opole sowie aus Görlitz, Dresden, Leipzig und Chemnitz teil – darunter Geschichts-, Gesellschaftskunde- und Deutschlehrkräfte, Schulleitungen sowie Personen, die sich im Bereich Bildung und deutsch-polnischer Zusammenarbeit engagieren.
Die Konferenz fand in einem besonderen Jahr statt – im Jahr des 35. Jubiläums der Unterzeichnung des Vertrages über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland. Dieses Jubiläum bildete einen wichtigen Rahmen für Diskussionen über die Bedeutung des historischen Dialogs sowie über die Herausforderungen beim Aufbau nachhaltiger Mechanismen der Bildungszusammenarbeit zwischen beiden Ländern. Die Bedeutung dieser Zusammenarbeit zeigt sich insbesondere im Bereich der historisch-politischen Bildung. Die Geschichte Polens und Deutschlands ist komplex, oftmals schwierig und von den schmerzhaften Erfahrungen des 20. Jahrhunderts geprägt. Gleichzeitig bilden das Bewusstsein für die gemeinsame Geschichte sowie der verantwortungsvolle Umgang mit ihrer Interpretation heute eine wesentliche Grundlage für die Zusammenarbeit beider Staaten und die Gestaltung einer gemeinsamen europäischen Zukunft. Das Verbindungsbüro des Freistaates Sachsen in Wrocław schafft durch die Initiierung und Unterstützung solcher Veranstaltungen kontinuierlich Räume für einen offenen Dialog über Geschichte und ihre aktuelle Bedeutung. Die Aktivitäten des Büros stärken die Zusammenarbeit zwischen Bildungsakteuren in Polen und Sachsen und fördern nachhaltige Beziehungen, die auf gegenseitigem Verständnis und dem Austausch von Erfahrungen beruhen.
Eröffnet wurde die Konferenz von Anna Leniart, Leiterin des Verbindungsbüros des Freistaates Sachsen in Wrocław. In ihrer Ansprache betonte sie die Bedeutung historisch-politischer Bildung als eine der zentralen Säulen des europäischen Dialogs und des gegenseitigen Verständnisses. Sie hob insbesondere die Notwendigkeit hervor, die Bildungszusammenarbeit weiter auszubauen und nachhaltige Instrumente zur Förderung eines gemeinsamen historischen Bewusstseins zu schaffen.
Zu den weiteren Rednerinnen und Rednern gehörten Ewa Skrzywanek – Niederschlesische Kuratorin für Bildung, Ryszard Kessler – Stellvertretender Stadtpräsident von Wrocław sowie Martin Kremer – Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Wrocław. Sie hatten die Veranstaltung unter ihre Schirmherrschaft gestellt und betonten die Bedeutung der deutsch-polnischen Bildungskooperation sowie des bilateralen Dialogs.
Ein wichtiger Bestandteil der Konferenz war zudem die Teilnahme von Vertreterinnen und Vertretern sächsischer Bildungseinrichtungen. Das Sächsische Landesamt für Schule und Bildung (LaSuB) wurde durch Ingolf Thiele vertreten, der für Bildungsfragen und internationale Zusammenarbeit zuständig ist. In seinem Beitrag hob er die Bedeutung der deutsch-polnischen Kooperation sowie die Rolle eines modernen Geschichtsunterrichts als Instrument zur Förderung des europäischen Dialogs und des gegenseitigen Verständnisses hervor.
Das Konferenzprogramm umfasste sowohl Fachvorträge als auch praxisorientierte Workshops. Den Eröffnungsvortrag mit dem Titel »Historische und methodologische Bedeutung des gemeinsamen deutsch-polnischen Geschichtsschulbuchs ‚Europa. Unsere Geschichte‘« hielt Prof. Dr. habil. Violetta Julkowska von der Fakultät für Geschichte der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań und Mitglied des Präsidiums der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission.
Die Referentin stellte den langjährigen Entstehungsprozess des Schulbuches sowie die Herausforderungen bei der Entwicklung einer gemeinsamen historischen Erzählung dar. Sie betonte, dass dieses Projekt zu den ambitioniertesten Vorhaben der deutsch-polnischen Bildungskooperation gehört und einen intensiven Dialog sowie eine enge Zusammenarbeit zwischen Historikerinnen und Historikern, Didaktikerinnen und Didaktikern sowie Expertinnen und Experten beider Länder erforderte.
Anschließend fanden Workshops für Lehrkräfte unter der Leitung von Wiesława Araszkiewicz, Mitglied der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission, statt. Im Mittelpunkt standen praktische Methoden zur Nutzung des Lehrwerks »Europa. Unsere Geschichte« im Unterricht sowie moderne Ansätze zur Vermittlung von Geschichte und Holocaust-Bildung.
Ein besonderer Programmpunkt war zudem die Präsentation von Piotr Kondratowicz zum Freiwilligenprojekt in der Gedenkstätte Auschwitz. Das vorgestellte Projekt »Jugendliche des Niederschlesischen Sonderpädagogischen Bildungs- und Erziehungszentrums Nr. 12 in Wrocław in der Gedenkstätte Auschwitz« verdeutlichte das Engagement junger Menschen im Bereich der Erinnerungskultur sowie einer erfahrungsorientierten und verantwortungsbewussten historisch-politischen Bildung. Es stellte ein eindrucksvolles Beispiel für die praktische Dimension historischer Bildungsarbeit dar, die Empathie, historisches Bewusstsein und aktives Engagement für die Erinnerung an schwierige Kapitel der Vergangenheit fördert.
Den Abschluss der Konferenz bildete der Vortrag von Prof. Krzysztof Ruchniewicz mit dem Titel »Partnerschaft trotz Unterschiede? Polen und Deutschland angesichts aktueller europäischer Krisen«. Der Professor thematisierte die gegenwärtigen Herausforderungen für die deutsch-polnischen Beziehungen und betonte die Bedeutung der Zusammenarbeit beider Staaten angesichts aktueller politischer, gesellschaftlicher und geopolitischer Entwicklungen. Besonders hervorgehoben wurde dabei die Rolle historisch-politischer Bildung als Instrument zur Förderung von Verantwortungsbewusstsein und aktiver gesellschaftlicher Teilhabe.
Die Konferenz »Nicht gleichgültig bleiben. Schwierige Themen des 20. und 21. Jahrhunderts in der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern« hat erneut gezeigt, dass historisch-politische Bildung weiterhin zu den zentralen Bereichen deutsch-polnischer Zusammenarbeit gehört. Gleichzeitig machte die Veranstaltung deutlich, welche wichtige Rolle das Verbindungsbüro des Freistaates Sachsen in Wrocław als Initiator und Organisator von Maßnahmen zur Förderung des Dialogs, des Erfahrungsaustauschs und nachhaltiger Beziehungen zwischen Bildungsakteuren in Polen und Deutschland einnimmt. Angesichts aktueller gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen stellt die Schaffung solcher Räume des Austauschs nicht nur einen bedeutenden Bestandteil der Bildungsarbeit dar, sondern leistet zugleich einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung einer verantwortungsbewussten und demokratischen europäischen Gemeinschaft.